Wochenrückblick: 10 – Welpengruppe, Igel und Gewitter

15/2018

Obwohl wir in den vergangenen Tagen gut an Lexs ‘Mauligkeit’ (er setzt ziemlich fest die Zähne beim Spiel ein. Ein Welpe erkundet alles mit seinem Maul. Damit spielt er natürlich auch, sollte aber auch seine Grenzen kennen.) gearbeitet haben, hat es gestern einen neuen schmerzhaften Höhepunkt erreicht. Es ist so eine simple Sache und ich kann es nicht auf hündisch ausdrücken. Teilweise bin ich wie gelähmt, kann ihm nicht mal ein entsprechendes Kommando geben, nicht knuffen, nicht zurechtweisen. Das frisst sehr an mir. Alles andere läuft so gut. In den Garten geht es jetzt nur noch mit Geschirr. Ich fürchte – beißen ist einfach das falsche Wort – das Fangspiel, die Mauligkeit hat sich ritualisiert. Schnüffeln. Pullern. Frauchen zum Spielen auffordern, also Frauchens Arm in den Fang nehmen und möglichst fest ziehen. Nicht aufgeben. Diese Phase haben sie doch alle. Daniel ist diese Woche Montag und Freitag komplett zuhause. Sofern ich hier noch weiter Hilfe brauche wird er sich noch ein wenig mehr freischaufeln können.

Schleppleine im Schlepptau

Die Welpengruppe findet auf dem Expogelände statt. Kein freies Welpenspielen. Es wird an der Leine geübt. Es sind so unheimlich viele Menschen da (die Gruppe ist überschaubar – aber es ist eben offenes Gelände), ich zittere und kann kaum sprechen. Lex ist aufgedreht, will zu seinen Hundefreunden. Die Trainerin ist freundlich, aber bestimmt. Es beruhigt mich zu hören, das alle Welpenhalter hier so ihre großen und kleinen Baustellen haben. Am Ende der Stunde sind wir wirklich geschafft. Lex rollt sich gleich auf meinem Schoss zusammen und schläft. Mein Kopf macht dicht, jetzt kann ich mich auch nicht mehr mit Daniel austauschen. Sitzen und Gedanken ordnen. Meine Hände sehen aus als hätten wir einen ganzen Stall voller Katzen oder Löwen. Was ist wenn wir seine Mauligkeit nicht in den Griff kriegen. Muss ich ihn dann weggeben, bevor ich ihn ganz versaue? Diese und andere Gedanken hängen über uns. Jede Kleinigkeit ist eine vernichtende Katastrophe. Wir sind so tief im Gedankenstrudel drin. So tief im Perfektsein drin, das wir kaum einen Blick für die Realität übrig haben. Lex ist noch so klein! Er muss so viel lernen. Dazu gehört auch ausprobieren. Grenzen testen. Sich und die Welt entdecken. Er steckt mitten in einer unglaublich interessanten Entwicklung. Wir können und müssen ihn dabei unterstützen. Aktuell sind Daniel und ich wieder verstärkt auf der Suche nach einem Therapeuten um meinen momentanen Zustand wieder zu stabilisieren. Es ist praktisch aussichtslos. Wir suchen schon so lange. Aber Lex wächst und er lernt. Er lernt verdammt schnell. Er weiß wenn es mir nicht gut geht. Er kommt zu mir wenn ich weine. Leckt mir das Gesicht, stupst mich an. Legt sich eng an mich gekuschelt. Damit können wir richtig gut arbeiten. Darauf können wir aufbauen.

Frauchen, Fotos machen nervt

Lex steht im Garten. Es ist dämmrig. Irgendwas ist da. Er steht direkt am Geflügelzaun. Der Zaun steckt seine Wiese ab. Der Schuppen ist offen, eins der Palisadenelemente beim letzten Sturm umgefallen und bietet so einen großen Durchgang zu Nachbars Pferdebox samt Freilauf und dahinter liegenden Koppeln und Feldern.

Ach ist bestimmt ein Igel.

Ja, es ist ein Igel. Lex ist sehr interessiert. Ein IGEL! Sowas hat Haou Haou* noch nicht gesehen. Er bellt tatsächlich auch. Als wir in der Nacht zur Pipipause erneut draußen sind, läuft der Igel in Lex abgesperrtem Bereich herum. Zum Glück ist er schneller weg als Lex gucken kann. Ich denke ein stürmischer Schnüffler wäre doch sehr schmerzhaft geworden.

Das Aufregendste passiert wohl immer nachts! Lex ist gerade fertig mit seinem Geschäft, er steht gerade an der Tür, ich bin gerade noch dabei sein Geschäft wegzuräumen, als es blitzt. Ich habe mich schon ziemlich ordentlich erschrocken, war ich doch so sehr auf das Schaufeln konzentriert. Als ich dann im Haus bin donnert es und Lex geht los. Oh, man hat so eine Bürste und man muss so bellen. Rein, raus. Wo kommt es her? Dann rennt er in den Flur und schon die halbe Treppe hoch! Lex! Treppe ist noch nicht! Na gut, er rennt nicht die Treppe hoch, er schleicht sie hoch mit dicker Bürste. Als wir im Bett liegen donnert es erneut. Diesmal ist es halb so wild. Eingekuschelt wird geschlafen. Das war es wohl, sein erstes Gewitter.

Lex hat entdeckt, das man Frauchen auch prima während des Gassis in Jacke und Ärmel beißen kann. Zuhause wird er kurzer Hand des Zimmers verwiesen, im Garten einfach stehen gelassen. Was aber im Feld? Ich bin überrascht, ärgerlich und auch überfordert. Ich bin auch ein stück weit wütend und werde ungerecht. Ein scharfer Ton. Eine ruppig Hand ist hier fehl am Platz und schon kommen die Selbstvorwürfe… Wahrscheinlich trifft mich einfach wieder der krasse Gegensatz:

Lex galoppiert durch das Unterholz. Jagt Schnecken und schaut dicken Hummeln hinterher. Mit eingeklemmter Rute, zurück gelegten Ohren, flach am Boden fliegt er Haken schlagend durch Halme und Gräser. Abrupt geht sein Hintern zu Boden. Er ist komplett erstarrt. Mit weit aufgerissenen Augen dreht er leicht den Kopf zu mir. Starrt mich aus diesen Augen erschrocken an. Rührt sich nicht. Reagiert nicht. Ich gehe zu ihm.

Was ist denn los mein Ohrenhut?

Ich muss mich wirklich zusammenreißen um nicht laut zu lachen. Er hat mir nur leicht seine linke Gesichtshälfte zudrehen können, auf der rechten Seite, über Fang und Ohr, klebt ein dickes Spinnennetz. Ich muss es ab puhlen. Erst dann bewegt er sich wieder. Spiderman hat zugeschlagen.

Der kleine hilflose Welpe. Keine zehn Meter weiter der ungestüme Rüpel, der meine Regenjacke durchtackert. Mir in die Hände beißt als ich versuche ihn zu beruhigen. Wild um sich schnappt im Glauben an ein tolles Spiel. Vielleicht schwingt später auch bei ihm Frustration mit. Ich beende die Gassirunde. An der Straße versucht er hinter Autos und Lkw herzuspringen. Draußen ist für mich immer schwer. Angst mischt sich bei. Was ist wenn er sich losreißt. Der Karabiner bricht… Bilder machen sich in meinem Kopf breit. Geräusche. Bremsen. Krachen. Jaulen. Dann Stille. Nein. Das ist nicht real. Ich nehme Lex auf den Arm. Ich weiß nicht wie ich ihn jetzt sonst aus der Situation bringen soll. Ansprache, Aktion, verschlimmert es. Einschränken. Ja. Ist diese Art der Einschränkung dann auch ok? Er war augenblicklich ruhig. War die Gassirunde zu lang? War es zu aufregend?

Zuhause wird sehr ausgiebig gekuschelt. Ich kann die Tränen nicht zurückhalten. Lex drückt seinen Kopf an meine Brust und legt eine seiner doch schon recht großen Pfoten auf meine Schulter. Am Abend versuchen wir es erneut. Gassi soll eine gute Erfahrung sein.

Wir müssen uns langsam vom Ohrenhut verabschieden. Die Tierärztin sagte ja schon, das wir frühzeitig gegen das auf Lex Kopf liegende Ohr arbeiten sollen. In den letzten Tagen habe ich es immer wieder in die “richtige” Richtung geklappt. Dank langem Fell und Wäscheklammer (nein das hat ihm nicht weh getan) konnte ich sein Ohr über längere Zeit immer mal wieder fixieren, sodass es jetzt immer öfter wie sein anderes Ohr schlappt. Der Knorpel ist jetzt noch weich und verfestigt sich mit der Zeit. Bei allen Hunden mit Stehohren richten sich diese erst nach und nach auf. Wenn sein Ohr jetzt so liegen bleibt, über den Kopf gelegt, wird er später mit der Belüftung Schwierigkeiten bekommen. Was dann Entzündungen nach sich sieht. Ohrentzündungen sind wirklich unheimlich schmerzhaft. Er hat etwas Ähnlichkeit mit Dobby… Sieht ganz anders aus mein Ohrenhut ohne Ohrenhut.

Ohrenhut ohne Ohrenhut. Bist du es wirklich?

Wieder einmal kommen wir zu der Erkenntnis, das weniger mehr ist. Man liest immer wieder davon, das gerade Hütehundhalter ihren Hunden im ersten Jahr nichts weiter außer Ruhe beibringen. Das heißt für uns Lex muss noch viel öfter und konsequenter zur Ruhe geschickt werden. Ist das vielleicht auch der Auslöser seiner Mauligkeit? Ist er schlicht überfordert? 20 Stunden schlafen/ruhen. Bleiben vier Stunden Zeit. Vier Stunden. Das ist praktisch nichts. Aus der Gassirunde werden schnell mal 40 Minuten. Aus der morgendlichen Küchenarbeit werden schnell mal 60 Minuten. Dann wird hier noch gewurschelt, dann fällt hier ein Schläfchen aus und dort muss man noch schnell mal in den Garten. Weniger ist mehr. Weniger wurschteln. Mehr schlafen.

In dieser Woche war ich das erste Mal mit Lex am Abend und einen Teil der Nacht alleine. Schon jetzt mit seinen 4,5 Monaten gibt mir Lex einfach wahnsinnig viel Sicherheit. Bettfeinmachzeit ist für mich, wenn ich alleine bin, auch immer Gruselzeit. Ich bin dann sehr hektisch und angespannt. Ins Bett gehe ich dann auch nur wenn mindestens ein Licht im Flur an ist, die Tür darf nicht geschlossen sein und am besten läuft die ganze Zeit ein Hörbuch oder ähnliches. Bloß keine Stille, bloß nicht mit den Geräuschen eines schlafenden, dunklen Hauses alleine sein. Damals mit meiner alten Hündin war es ähnlich unsicher. Blind und taub hätte sie mich kaum warnen können. Nein. Dazu kam auch immer noch die Angst um mein altes Mädchen. Allein zuhause und was ist wenn ich dringend in die Tierklinik muss? Lex ist da. Lex ist laut. Lex gibt mir Sicherheit. Keine gesträubten Nackenhaare, kein Prickeln auf der Haut als ich ihn im Garten ein letztes Mal lüfte. Keine ängstliche Hektik beim Verschließen der Fenster und Türen. Kein Sprint die Treppen hoch ins sichere Bett und das alles bei Festtagsbeleuchtung. Nein. Entspannt und ruhig eins nach dem anderen abgearbeitet. Kein Licht brennt. Hörbuch nur zum Einschlafen. Schlafen. Ich habe geschlafen bis der Schlüssel meines Mannes kaum das Schloss der Haustür berührt hat. Lex schlägt sofort an. Sein Bellen klingt voll und laut. Da steckt ein Hund hinter. Ein Hund der sich jetzt schon groß anhört. Ich habe tatsächlich geschlafen. Lex zu einer kleinen Bohne direkt neben mir eingerollt und das obwohl wir eben noch den Igel innerhalb von Lex Freilauf angetroffen haben. Er hat sehr ausgiebig geschnüffelt. Ist dann eine Runde am Zaun lang, zurück zum Igel, einmal gescharrt, einmal gewufft und auf meinen Ruf direkt zu mir zurück. Ich habe den Igel nicht sehen können. Zwischen Grasbüschel und Maulwurfshügel hatte er sich eingeigelt. Ein guter Abend!

Igel… Parasiten. Die lieben Zecken. Wir sind heilfroh, das wir uns nun doch für die “Chemiekeule” entschieden haben. Ich komme mit den Zeckenabsammeln kaum nach. War das schon immer so schlimm? Jede Zecke, die Lex anzapft, wird von seinem Blut vergiftet und fällt tot ab. Das passiert so schnell, das eine Übertragung von Erregern nicht möglich ist. Keine Chance hier mit Kokosöl und Bernsteinkette – so nett diese auch aussieht, geht sie doch auch in seinem inzwischen recht langen Fell verloren und verhindert auch keinen langen Biss. Für mich überwiegt eine Infektion, eine gefährlichen Infektion durch einen Biss, die Nebenwirkungen eines chemischen Mittels.

Frauchen braucht etwas Beruhigung. Das kann Lex.

Inzwischen ist endlich auch Lex angepasstes Futter da und er frisst es natürlich nicht. Wir können die Tage an zwei Fingern abzählen wann er seine Tagesration komplett gefressen hat. Seit Ostern haben wir langsam von Frischfleisch auf Trofu umgestellt. Solange man ihm die Brocken einzeln zuwirft nimmt er sie freiwillig. Aus dem Napf frisst er nicht. Eingeweicht mag er sie nicht. Aus dem Kong nur wenn ganz viel Banane dazu gematscht wird. Wir waren am Freitag los und haben etwas Nassfutter besorgt. Endlich hat er seine Tagesration gefressen. Wenn es so weitergeht werde ich das Futter wieder auf Fleisch umstellen. Ich kann mir nicht angucken wie er immer weniger wird. Sicher, er wird mir nicht verhungern. Er frisst sich dann aber auch nur an einem Tag voll und lässt den Rest der Woche alles stehen. Wir werden dann jemanden suchen, der die Rohfütterung von mir einmal durchschaut. Wo lag der Fehler? Ich kann ihn einfach nicht finden! Spielt der Bach eine größere Rolle als angenommen? Frühstens in drei Wochen würde eine erneute Laborkontrolle Sinn machen. Man kann schon sagen, das sich Lex Haarkleid verändert hat, er säuft auch nicht mehr so viel, ja. Die Laborwerte waren auch eindeutig. Allerdings lasse ich ihn seit einigen Wochen auch nicht mehr in die Nähe des Baches. Immer und immer wieder gehe ich seine Rohfütterung durch. Das hat keinen Sinn. Es macht mich nur verrückt.

*Haou Haou scheint sein Hundename zu sein. Haou Haou macht er wenn es aufregend wird. Wenn wir spielen. Haou Haou wird gefolgt von bellen, springen, ausgelassen sein, Haou Haou ist seine Rute jagen… Haou Haou eben.

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  1. […] Und noch ein wunderschöner lebendiger Beitrag über den Alltag eines Assistenzhund-Azubis. Lex Barker, der in Selbstausbildung zum […]

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